Mittel gegen Erkältung

Gibt es ein wirkungsvolles Mittel gegen Erkältung, das nicht nur den Geldbeutel der Patienten belastet?

Thema der Woche, 16.12.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Mittel gegen Erkältung

Es ist wieder so weit. Wir stecken mitten in der Erkältungsphase. Die Wartezimmer sind voller Menschen mit Erkältungen. Sie klagen über Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, Ohrenschmerzen und Nebenhöhlenentzündung. Die wenigsten Patienten sagen: „Ich bin erkältet und brauche nur eine Krankschreibung, sonst nichts.“ Die meisten erwarten von uns doch eine Empfehlung oder ein grünes Rezept, ein Mittel, damit sie „möglichst schnell wieder auf die Beine kommen“. Die wenigsten wären damit zufrieden, dass wir ihnen erklären, dass eine Erkältung von selbst nach einigen Tagen vorübergeht, dass die gängigen Erkältungsmedikamente keinen nachgewiesenen Effekt haben und dass es am besten ist, sich ein paar Tage zu schonen, nicht in die Arbeit zu gehen und andere anzustecken und ansonsten viel zu schlafen.

Es ist schwer auszuhalten, Erwartungen von Patienten gar nicht zu erfüllen. Deswegen überlegen viele von uns, was man guten Gewissens empfehlen kann, damit die Patienten sich zwar ernstgenommen fühlen, aber ihnen nicht geschadet wird, auch nicht finanziell. Dazu müssen wir einen Blick auf die vorhandene Evidenz werfen: Es gibt keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise für Vitamin C, Echinacea, Pelargonium sidoides, abschwellende Nasensprays, Hustensaft, Antihistaminika, Schleimlöser, Hustendämpfer oder Beta-2-Antagonisten. Die Daten für Zink deuten zwar auf einen Effekt hin, lassen aber keine Schlüsse zur Dosierung zu. NSAR und Paracetamol lindern immerhin Schmerzen und senken Fieber, obwohl sie ebenfalls keine Wirkung auf den Krankheitsverlauf haben. Auch für Nasenspülungen mit Salzlösung und die Inhalation mit Wasserdampf gibt es keine Wirksamkeitsnachweise. Für ein in Deutschland sehr gebräuchliches pflanzliches Mischpräparat, dessen Name suggeriert, es wirke gegen Sinusitis, gibt es ebenfalls keinen überzeugenden Wirksamkeitsnachweis.

Was also soll man angesichts dieser Datenlage empfehlen? Wenn die Symptome zu stark werden, eventuell Paracetamol oder NSAR zu nehmen, und wenn man findet, dass es guttut, sind Inhalationen oder Nasenspülungen vertretbar. Den Rest können sich die Patienten wohl im wahrsten Sinne des Wortes sparen.

Dann gibt es noch die Patienten, die gerne ein Mittel zur Vorbeugung gegen Erkältung und zur „Stärkung des Immunsystems“ hätten, entweder weil sie in diesem Herbst schon mehrere Infekte hatten oder weil sie einfach „fit durch den Winter“ kommen wollen. Auch hier ist die Evidenzlage für die gängigen OTC-Medikamente schwach. Beispielsweise ist weder für Echinacea, Homöopathika, Vitamin C oder Vitamin D eine überzeugende Wirkung nachgewiesen. Lediglich für Probiotika gibt es Evidenz minderer Qualität, die auf einen präventiven Effekt gegen Erkältungen hinweist. Auch hier können wir also kein Wundermittel empfehlen, sondern nur dazu raten, sich regelmäßig die Hände zu waschen, sich möglichst nicht ins Gesicht zu fassen und Stress, Schlafmangel und größere Menschenansammlungen, z. B. in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln, zu meiden.

Marlies Karsch, Chefredakteurin

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