Respekt: das Arzneitelegramm wird 50

Quellen wie das Arzneitelegramm und die dazugehörige atd-arzneimitteldatenbank sind für unsere redaktionelle Arbeit bei Deximed von essenzieller Bedeutung.

Thema der Woche, 25.11.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Respekt: das Arzneitelegramm wird 50

Seit 50 Jahren gibt es das pharmakritische und unabhängige Organ Arzneitelegramm, das therapeutische „Gewissen" vieler deutscher Ärzte. Seit 50 Jahren kämpfen die Autoren für eine interessensneutrale Bewertung von Publikationen zur Wirksamkeit von Medikamenten und mussten sich in dieser Zeit gegen üble Nachrede, Prozesse und andere Einschüchterungsversuche wehren. In der Zwischenzeit sind hierzulande evidenzbasierte Medizin, unabhängige Leitlinienkommissionen und die Nennung von Interessenskonflikten zwar noch nicht allgemeiner Standard, aber doch in den meisten medizinischen Fachgebieten viel weiter verbreitet als 1969. Das ist sicher auch ein Verdienst des Arzneitelegramms und des Durchhaltevermögens der Redaktion. Das Arzneitelegramm legt den Finger in die Wunde, zeigt die Schwachstellen interessensgeleiteter Therapiestudien und schützt uns Ärzte oft davor, in die Irre geleitet zu werden.

Quellen wie das Arzneitelegramm und die dazugehörige atd-arzneimitteldatenbank sind für unsere redaktionelle Arbeit bei Deximed von essenzieller Bedeutung. Nur weil es solche unabhängigen Informationen gibt, können wir in unseren Artikeln ebenfalls unabhängige Empfehlungen bereitstellen und versteckte Werbung vermeiden. Auf der Basis der Bewertung des Arzneitelegramms können auch wir in unseren Artikeln beispielsweise kritisch über den Einsatz von Dapagliflozin bei Typ-1-Diabetes, die fehlende Wirksamkeit des Neuraminidasehemmers Oseltamivir gegen Influenza, die gefährlichen Nebenwirkungen des Bayer-Produktes Iberogast gegen Dyspepsie oder die kritische Einschätzung neuer oraler Antikoagulanzien berichten.

Neben der Vielzahl unzuverlässiger oder zumindest schwer zu beurteilender Informationsquellen, wie beispielsweise internationale Leitlinien spezialistischer Fachgesellschaften (z. B. ESC-Guidelines zu Hyperlipidämie) oder Übersichtsartikel in Zeitschriften mit Werbeanzeigen der Pharmahersteller, gibt es einige verlässliche Quellen, die wir für unsere Artikel zurate ziehen. Dazu gehören beispielsweise auch der Arzneimittelbrief, Cochrane-Reviews (wenn die Autoren unabhängig sind und die Methodik gut ist), Empfehlungen und Bewertungen von AKdÄ, G-BA und IQWIG, die Leitlinien der DEGAM bzw. Leitlinien, bei denen die DEGAM beteiligt war und deren Empfehlungen von der DEGAM mitgetragen oder präzisiert wurden. Im unübersichtlichen Dschungel der Publikationen achten wir auch selbst auf Interessenskonflikte der Autoren und die Qualität der publizierten Ergebnisse. Bekannte Tricks in pharmafinanzierten Studien fallen uns auch auf und führen dazu, dass wir eine Publikation kritisch bewerten: etwa Surrogatparameter (z. B. HbA1c) als Endpunkt, fehlende Langzeitdaten, unbrauchbare Kontrollgruppen, Biasrisiken oder zu kleine Studienpopulationen.

Evidenzbasierte und unabhängige Therapieempfehlungen und Leitlinien sind für verantwortungsvolles ärztliches Handeln unverzichtbar. Das Wohl der Patienten und nicht finanzielle Interessen sollten immer im Vordergrund stehen. So lange die Zulassungsverfahren für Medikamente in Europa so ablaufen, wie es momentan der Fall ist, so lange die Industrie hierzulande die Preise diktieren darf, so lange industrieunabhängige Pharmaforschung noch Zukunftsmusik ist und so lange die Informationen, die uns Ärzten zur Verfügung stehen, versteckte Werbung enthalten, so lange brauchen wir dringend verlässliche Informationsquellen, die sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Deshalb möchte ich mich bei den Machern des Arzneitelegramms an dieser Stelle ganz herzlich für Ihre hervorragende Arbeit bedanken.

Interessenskonflikte: keine

Marlies Karsch, Chefredakteurin