Muss die „Weißkittelhypertonie“ jetzt „Polohemdhochdruck“ heißen?

Das Bild von Ärzten in den Medien, aber auch das allgemeine Rollenbild des Berufsstandes ist durch den weißen Kittel geprägt ...

Muss die „Weißkittelhypertonie“ jetzt „Polohemdhochdruck“ heißen?

Thema der Woche, 02.09.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

In den letzten Jahren ist es zunehmend üblich geworden, dass Hausärztinnen und Hausärzte in ihrer Sprechstunde keinen weißen Arztkittel mehr tragen, sondern weiße oder neutral farbige Hosen mit einem Polohemd oder T-Shirt. Besucht man verschiedene Praxishomepages, kann man sehen, dass viele Kolleginnen und Kollegen, zusammen mit dem gesamten Praxisteam, einen einheitlichen Look tragen, z. B. hellblaue Polohemden. Wo ist der weiße Kittel geblieben? Und was wollen die Patienten eigentlich? Angeregt durch einen Artikel von Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung zu diesem Thema habe ich mir eine aktuelle Studie aus der Schweiz angesehen, die sich mit den Patientenpräferenzen zur Arztkleidung befasst. Laut dieser Studie bevorzugen es 55 % der befragten (Schweizer) Patienten, wenn Ärzte in der Primärversorgung einen weißen Kittel tragen, mit entweder legerer Kleidung, weißem Kasak oder formeller Kleidung darunter.

Der Arztkittel ist aus verschiedenen Gründen heutzutage in der Praxis eher „out“: Es ist oft unbequem, den Kittel zusätzlich über der Kleidung zu tragen. Manchmal ist er zu heiß. Und damit er nicht schmuddelig aussieht, muss er oft gewechselt und gewaschen werden. Viele Ärzte glauben, dass sie ohne Kittel nahbarer aussehen. Aus hygienischen Gründen ist der Kittel sogar ziemlich in Verruf geraten. Manche Kliniken haben ihn ganz abgeschafft, und auch die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hat Bedenken. Im Leitfaden zu Hygiene in der Arztpraxis der KVB wird als Arbeitskleidung für Arztpraxen zumindest für medizinische Fachangestellte kurzärmelige Kleidung empfohlen. Es gibt zwar keinen Grund, warum das nicht auch für Arztkleidung gelten sollte. Wirklich eindeutige Vorschriften zur Kleidung der Ärzte selbst gibt es aber nicht.

Das Bild von Ärzten in den Medien, aber auch das allgemeine Rollenbild unseres Berufsstandes ist durch den weißen Kittel geprägt. Durch den weißen Kittel werden Ärzte als solche erkennbar. Laut der Schweizer Studie verbinden Patienten mit dem weißen Kittel Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit, Fürsorglichkeit, Nahbarkeit und Kompetenz. Sie fühlen sich bei Ärzten im weißen Kittel wohler. Es gibt vermutlichen keine validen wissenschaftlichen Untersuchungen, aber es ist anzunehmen, dass der Placeboeffekt der „Droge Arzt“ durch einen weißen Kittel durchaus verstärkt werden kann. Besonders Patienten über 65 Jahre scheinen Wert auf die Kleidung ihrer Ärzte zu legen. Das Vertrauen der Patienten zu den Hausärzten kann durch solche Äußerlichkeiten gestärkt werden. Gerade bei chronisch kranken und multimorbiden Patienten, z. B. Patienten mit Typ-2-Diabetes, Multimedikation, einer bekannten koronaren Herzerkrankung oder mit chronischer Nierenkrankheit, kann ein langjähriges vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis mit guter Compliance lebenswichtig sein.

Man kann aber annehmen, dass sich Patienten die Ärzte aussuchen, die zu ihnen passen. Patienten, die partout einen Hausarzt im weißen Kittel bevorzugen, werden sich einen solchen suchen. Patienten, die einen legeren Stil bevorzugen und mit ihren Hausärzten gerne auf Augenhöhe kommunizieren, gehen eher zu Kollegen, die den weißen Kittel aufgegeben haben. Grundsätzlich können Arztpraxen an sich eine gewisse Ansteckungsgefahr mit sich bringen. Man denke nur an die Patienten, die sich in einem Wartezimmer mit Varizellen, Influenza oder gar Meningitis angesteckt haben. Welche Ansteckungsgefahr aber von den Ärmeln eines Arztkittels in einer normalen Hausarztpraxis ausgeht, hat bestimmt noch niemand untersucht. Es scheint unwahrscheinlich, dass auf diesem Wege eine Salmonellose, Tuberkulose oder auch MRSA übertragen werden, solange der Kittel bei direktem Kontakt mit Wunden oder Körperflüssigkeiten ausgezogen oder danach gewechselt wird.

Marlies Karsch, Chefredakteurin