Chronische Nierenkrankheit: Was ist neu?

Ist eine chronischen Nierenkrankheit gleich eine Niereninsuffizienz? Immer mehr setzt sich die internationale Sichtweise der chronischen Nierenkrankheit als chronische Nierenschädigung durch.

Chronische Nierenkrankheit: Was ist neu?

Thema der Woche, 24.06.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Die chronische Nierenkrankheit ist besonders bei älteren Personen sehr häufig und bei einem Großteil der Betroffenen nicht diagnostiziert. Die Prävalenz liegt in deutschen Hausarztpraxen schätzungsweise bei bis zu 28 %. Wir haben unseren Artikel Chronische Nierenkrankheit grundlegend überarbeitet und aktuelle Leitlinien und Empfehlungen berücksichtigt.

Die meisten von uns sind an das Krankheitsverständnis einer chronischen Nierenkrankheit als Niereninsuffizienz gewöhnt, also ein Krankheitsbild, das durch die Funktionsstörung definiert ist. Inzwischen setzt sich auch hierzulande verstärkt die international gebräuchliche Sichtweise der chronischen Nierenkrankheit (Chronic Kidney Disease, CKD) als chronische Nierenschädigung durch, die sowohl durch die zugrunde liegende Erkrankung (am häufigsten Typ-2-Diabetes und Hypertonie), die glomeruläre Filtrationsrate als auch das Ausmaß einer Albuminurie klassifiziert wird.

Zu den diagnostischen Kriterien gehören der Nachweis eines Markers für einen Nierenschaden, wie Albuminurie (z. B. Albumin-Kreatinin-Quotient) oder pathologische Nierenveränderungen in der Bildgebung und/oder der Nachweis einer eingeschränkten Nierenfunktion durch eine Verminderung der GFR < 60ml/min/1,73m2. Da Serum-Kreatinin als Frühmarker einer Nierenfunktionsstörung ungeeignet ist, wird inzwischen routinemäßig in Laborberichten eine eGFR (estimated GFR) angegeben, die meist auf der MDRD- oder der CKD-EPI-Formel beruht. Beide Formeln haben den Nachteil, dass sie bei steigendem Lebensalter weniger zuverlässig sind. Laut Empfehlungen der DEGAM sollte bei jeder erstmals festgestellten eGFR < 30 ml/min eine Überweisung in die Nephrologie angeboten werden. Dies gilt auch bei erstmals festgestellter eGFR zwischen 30 und 60 ml/min bei ungeklärter Hämaturie, Albuminausscheidung über 30 mg/24 h oder therapierefraktärer Hypertonie.

Entgegen verbreiteter Auffassung sollte keine hohe orale Flüssigkeitszufuhr zum „Spülen“ der Nieren empfohlen werden. Meist ist eine tägliche Trinkmenge von 1,5–2 l ausreichend. Wenn keine Herzinsuffizienz vorliegt, ist auch keine Restriktion der Trinkmenge erforderlich. Wichtig ist eine ausgewogene ballaststoffreiche Ernährung, eine Beschränkung der Kochsalzzufuhr und bei höheren Stadien der Nierenkrankheit eine Beschränkung der Eiweißzufuhr. Bei höhergradiger Nierenerkrankung wird eine Ernährungsberatung empfohlen. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes sollte ein HbA1C-Wert von 6,5–7,5 % angestrebt werden. Hochdruckpatienten sollten vorzugsweise mit ACE-Hemmern oder AT-Blockern eingestellt werden, da dies die Albuminurie günstig beeinflusst.

Kontrovers diskutiert wird die genaue Bewertung des kardiovaskulären Risikos, das bei chronischer Nierenkrankheit erhöht ist. Validierte kardiovaskuläre Risikoscores berücksichtigen die Nierenfunktion nicht als eigenständigen Risikofaktor. Auch bei Patienten mit CKD wird die Verwendung etablierter Risikokalkulatoren, z. B. ARRIBA, empfohlen. Im Gegensatz zu den KDIGO-Leitlinien, die eine CKD bei über 50-Jährigen als Indikation für eine Statingabe sehen, empfiehlt die DEGAM eine Behandlung von Hypercholesterinämie nach denselben Therapieempfehlungen, die auch für Personen ohne CKD gelten. Unser Artikel bietet außerdem Übersichtstabellen zur Klassifizierung der CKD und der stadiengerechten Häufigkeit von Kontrolluntersuchungen sowie ausführliche Informationen zur Dosisanpassung von Medikamenten, Behandlung von Folgeerkrankungen und zur Behandlung von Urämiesymptomen.

Marlies Karsch, Chefredakteurin