Adipositas ist nicht gleich Adipositas: Binge-Eating-Störung

Adipositas ist nicht gleich Adipositas: Binge-Eating-Störung

Thema der Woche, 29.04.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Über 20 % der Menschen hierzulande sind adipös, das heißt, sie haben einen Body-Mass-Index >30 kg/m2. In der täglichen Praxis kann man diese Angabe bestätigt sehen; an manchen Tagen liegt der Anteil der Adipositaspatienten sogar noch höher. Die Adipositas geht mit einem erhöhten Risiko einher, an Hypertonie, Hyperlipidämie, Typ-2-Diabetes, nicht-alkoholischer Fettleber, kardiovaskulären Erkrankungen und malignen Tumoren (z. B. kolorektalem Karzinom, Mammakarzinom, Ovarialkarzinom) zu erkranken. Neben den bekannten Ursachen, wie einer genetischen Disposition, geringer körperlicher Aktivität und zu hoher Kalorienaufnahme, erhöhen bekanntermaßen auch psychische Erkrankungen, wie eine Depression, das Risiko für Adipositas.

Daran, dass laut unterschiedlicher Quellen bei 5–30 % aller Patienten, die aufgrund einer Adipositas ärztliche Hilfe suchen, eine Binge-Eating-Störung vorliegt, wird vermutlich nicht so häufig gedacht. Umgekehrt liegt aber nur bei rund 50 % der Patienten mit Binge-Eating-Störung eine Adipositas vor. In unserem neu überarbeiteten Artikel Binge-Eating-Störung (BES), in dem auch die Empfehlungen der neuen AWMF-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen dargestellt sind, finden Sie umfassende Informationen zu diesem unterschätzten Krankheitsbild. Die BES ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essattacken mit der Aufnahme übergroßer Nahrungsmengen, Scham und Selbstekel und ausgeprägten Leidensdruck. Dabei kommt es weder zu induziertem Erbrechen, wie bei der Bulimia nervosa, noch zu selbst herbeigeführten Gewichtsverlust, wie bei Anorexia nervosa. Der Männeranteil liegt bei 25 %, somit ist die BES die häufigste Essstörung bei Männern.

Aber wie können Betroffene in der Hausarztpraxis erkannt werden, so dass sie eine für sie hilfreiche Therapie erhalten können? Zunächst einmal sollte bei der Diagnostik von Übergewicht und Adipositas nach Essanfällen gefragt werden. Sollte sich hier ein Hinweis auf eine BES ergeben, ist es am besten, validierte Fragebögen zur Diagnostik von Essstörungen zu verwenden. Dabei empfiehlt es sich, mit einer spezialisierten Praxis oder Klinikambulanz zusammenzuarbeiten, in deren Team Psychotherapeutinnen und Ernährungsberaterinnen mit Erfahrung in der Behandlung BES-Betroffener tätig sind. Für eine kognitive Verhaltenstherapie gibt es bei der BES die umfassendsten Wirksamkeitsbelege. Damit kann in relativ kurzer Zeit eine Reduktion der Essattacken erreicht werden. Für eine Pharmakotherapie der BES gibt es keinen Wirksamkeitsnachweis, deshalb kann derzeit hierzu auch keine Empfehlung gegeben werden. Zusammen mit der Psychotherapie soll eine Gewichtsreduktionstherapie, bestehend aus einer Kombination aus Interventionen für Ernährung, Bewegung und Verhalten, durchgeführt werden. An die BES überhaupt zu denken und in der Hausarztpraxis nach dem Hauptsymptom, den Essanfällen, zu fragen ist jedenfalls der erste Schritt, um betroffenen Patienten helfen zu können.

Marlies Karsch, Chefredakteurin