Wollen wir wirklich eine Impfpflicht?

Die Zahl der Masernfälle hat laut WHO weltweit um 30 % zugenommen. Nun diskutieren Gesundheitspolitiker einmal wieder über die Einführung einer Impfpflicht. Andere hingegen fordern weiterhin ausschließlich Aufklärungsarbeit.

Wollen wir wirklich eine Impfpflicht?

Thema der Woche, 28.01.2019 von Dr. Marlies Karsch, Chefredakteurin

Die WHO hat die Zögerlichkeit bei Impfungen, also die Verweigerung von Impfungen trotz einer guten Zugänglichkeit dazu, kürzlich in eine Liste mit zehn Gefahren für die globale Gesundheit aufgenommen (neben u. a. Klimawandel und Luftverschmutzung, Influenza-Pandemien, instabilen Lebensumständen, einer unzureichenden gesundheitlichen Primärversorgung oder Resistenzen gegen antimikrobielle Wirkstoffe). Die Zahl der Masernfälle hat laut WHO weltweit um 30 % zugenommen. Außerdem soll 2019 das Ziel einer endgültigen weltweiten Ausrottung der Poliomyelitis erreicht und die Ausrottung des Zervixkarzinoms mittels Impfung in Angriff genommen werden. Nun diskutieren Gesundheitspolitiker einmal wieder über die Einführung einer Impfpflicht, insbesondere gegen Masern. Andere hingegen fordern weiterhin ausschließlich Aufklärungsarbeit.

Wer als Ärztin aber schon einmal versucht hat, Patienten, die Impfungen generell ablehnen, vom Sinn des Impfens zu überzeugen, weiß, dass die Meinungen oft festgefahren sind und Aufklärung sehr schwierig ist. In sozialen Medien und auf einschlägigen Websites kursieren viele Berichte über Impfschäden, aber auch teilweise absurde Verschwörungstheorien zum Thema Impfen. Das sind „Fake News", gegen die schwer zu argumentieren ist.

Manche Patienten aber haben die öffentlichen Diskussionen der letzten Jahre differenziert mitverfolgt und sind, obwohl sie Impfungen nicht generell ablehnen, doch skeptisch geworden. So haben das Vorgehen der Behörden bei der Impfung gegen die Schweinegrippe und der Umgang mit Informationen über deren Nebenwirkungen, wie Narkolepsie, nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen. Auch viele Ärzte verfolgen die Entstehung von Impfempfehlungen mit kritischer Aufmerksamkeit und haben auch noch die Diskussionen um die Zulassung und Empfehlung der HPV-Impfung und die Cochrane-Crisis 2018 in diesem Zusammenhang im Hinterkopf.

Es erscheint schon undemokratisch, die kritische Diskussion um bestimmte Impfungen und die finanziellen Interessen auf dem Impfstoffmarkt einfach mit der Einführung einer generellen Impfpflicht abzuwürgen. Dennoch betrifft eine Entscheidung für oder gegen eine Impfung nicht nur das Individuum selbst, sondern hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Mit einer guten Herdenimmunität können auch die Schwächeren geschützt werden, wie z. B. Patienten mit einer erhöhten Infektanfälligkeit oder multimorbide Patienten. Wer in einem vollen Café raucht oder unter Alkoholeinfluss Auto fährt, trifft ebenfalls nicht nur die Entscheidung, sich selbst zu schaden, sondern nimmt auch ein Risiko für andere in Kauf. Und genau dieses Verhalten ist nicht mehr erlaubt. Regeln können so auch im Zusammenhang mit Impfungen durchaus notwendig erscheinen. Aber kann man die gesamte Bevölkerung zu einer invasiven medizinischen Maßnahme zwingen? Und wer entscheidet, zu welchen Impfungen Millionen von Menschen verpflichtet werden sollen? In dieser Diskussion gibt es keine einfachen und schon gar keine pauschalen Lösungen.

Marlies Karsch, Chefredakteurin